Live Talk über Cannabis mit Jugendrichter Andreas Müller

Rainer Biesinger, unser Heavy Metal Coach, im exklusiven Gespräch mit Jugendrichter Andreas Müller, dem einzig wahren Rockstar der deutschen Cannabis-Szene.

Rai­ner Biesin­ger: „Herr Mül­ler, ich will ein Kind von Ihnen“, „Kom­pli­ment, jetzt gehen Sie in die Geschich­te ein …“, „Dan­ke für Ihren uner­müd­li­chen Ein­satz, und dass ich das noch erle­ben darf …“, „Wir for­dern ein Denk­mal für Rich­ter Mül­ler“, usw. Tau­sen­de Dan­kes­posts, Ehr­er­bie­tun­gen und Respekts­be­kun­dun­gen für ihren vehe­men­ten Akti­vis­mus zur Frei­ga­be von Can­na­bis sind in den Kom­men­ta­ren ihrer Social-Media-Kanä­le zu lesen. Die Hanf-Com­mu­ni­ty fei­ert Sie.

Ande­rer­seits macht Ver­än­de­rung auch vie­len Men­schen Angst. Die Unwis­sen­den, Unauf­ge­klär­ten, die „ewig Gest­ri­gen“, und – mir ganz wich­tig – die besorg­ten Eltern sehen durch die geplan­te Frei­ga­be von Haschisch und Mari­hua­na eine mas­si­ve Gefähr­dung für die Jugend auf uns zukommen.
Seit­dem die neue Ampel­ko­ali­ti­on am 24.11.21 mit ihrem vor­ge­stell­ten Koali­ti­ons­ver­trag beschlos­sen hat, Can­na­bis zu Genuss­zwe­cken kon­trol­liert frei­zu­ge­ben, über­schla­gen sich die Medi­en­be­rich­te auf allen erdenk­li­chen Kanä­len. Bei die­sem, teil­wei­se noch sehr emo­tio­nal geführ­ten The­ma, schei­den sich in vie­ler­lei Hin­sicht die Geis­ter. Mir wäre es daher wich­tig hier für etwas mehr fak­ten­ba­sier­te und sach­li­che Trans­pa­renz sowie für eine wei­te­re Auf­klä­rung zu sorgen.

Andre­as Mül­ler: So machen wir das!

RB: Herr Mül­ler, bereits im April 2020 hat­ten Sie in Ihrer Eigen­schaft als Jugend­rich­ter eine 140-sei­ti­ge Vor­la­ge zum Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt geschickt, damit die­ses die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Betäu­bungs­mit­tel­ge­set­zes, die den uner­laub­ten Ver­kehr mit Can­na­bis­pro­duk­ten straf­bar macht, über­prüft. Dar­in geht es dar­um inwie­weit die zu beab­sich­ti­gen­de Can­na­bis­le­ga­li­sie­rung mit grund­le­gen­den Ver­fas­sungs­rech­ten in Ein­klang zu brin­gen ist. Expli­zit geht’s dar­in um Frei­heits­rech­te, das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht, all­ge­mei­nes Hand­lungs­recht, Gleich­heits­grund­sät­ze, usw. Ihrer Auf­fas­sung nach ver­sto­ßen die Can­na­bis­ge­set­ze seit über 50 Jah­ren gegen gel­ten­des Verfassungsrecht.
Was spä­tes­tens seit­her dar­auf­hin folg­te, war ein rie­si­ger Medi­en­rum­mel, bei dem Sie, als in der Ver­gan­gen­heit oft zitier­ter „Que­ru­lant im Namen der Gerech­tig­keit“, oder „Här­tes­ter Jugend­rich­ter Deutsch­lands“ kaum eine deut­sche TV-Sen­de­an­stalt, und so gut wie kein Pres­se­me­di­um mit Ihren State­ments aus­ge­las­sen haben. Unzäh­li­ge Interview‑, Pod­cast- und Video-Bei­trä­ge und hau­fen­wei­se Bericht­erstat­tun­gen fül­len das Internet.
Ich kann mir ganz gut vor­stel­len, dass Sie die „Faxen“ mit den Medi­en inzwi­schen ganz schön „dicke“ haben. Des­halb bedan­ke ich mich umso mehr für die­ses exklu­si­ve Inter­view hier mit Ihnen!

AM: Ja natür­lich ist das anstren­gend. Aber trotz­dem sehr gerne!

RB: Herr Mül­ler, war­um ist es Ihres Erach­tens so wich­tig, dass sich bei die­sem sen­si­blen The­ma der Frei­ga­be von Can­na­bis zu Genuss­zwe­cken in Deutsch­land nun end­lich nicht nur poli­tisch, son­dern vor allem auch gesell­schaft­lich etwas tut?

AM: Einer­seits durch die per­sön­li­chen fami­liä­ren Erfah­run­gen mit einem alko­hol­ab­hän­gi­gen Vater und mit mei­nem ver­stor­be­nen Bru­der, der durch die ver­fehl­te Dro­gen­po­li­tik kri­mi­na­li­siert und stig­ma­ti­siert wur­de, als auch mei­ne 30-jäh­ri­ge Erfah­rung als Jugend­rich­ter las­sen mich zu dem Schluss kom­men, dass es das ein­zig Ver­nünf­ti­ge und Rich­ti­ge ist, Can­na­bis kon­trol­liert zu legalisieren.

RB: Ihr Bru­der ist letzt­lich an einer Hero­in­sucht ver­stor­ben. Das hät­te Sie doch eher dazu brin­gen müs­sen nein zum Can­na­bis zu sagen?

AM: Was mich das Leben gelehrt hat, war nicht die von den Pro­hi­bi­tio­nis­ten immer wie­der gern genom­me­ne, aber total halt­lo­se so genann­te Ein­stiegs­dro­gen­theo­rie bezüg­lich Can­na­bis. Ein­stiegs­dro­ge war im Fal­le mei­nes Bru­ders ganz klar der Knast und die völ­lig fehl­ge­lei­te­te Verbotspolitik.
Zur Ein­stiegs­dro­gen­theo­rie: Es gibt welt­weit kei­nen seriö­sen Wis­sen­schaft­ler, der die The­se von Can­na­bis als Ein­stiegs­dro­ge noch ver­tritt. Bereits 1994 wur­de die­se vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wider­legt. Das ist bald drei­ßig Jah­re her! Die­se Theo­rie ist mit Chris­tia­ne F. irgend­wann in den sieb­zi­ger Jah­ren an den Start gegan­gen – hoch­gra­di­ger Unsinn. Wer das heu­te noch irgend­wo so aus­spricht, soll­te sich dafür schä­men und muss zeit­gleich aus­ge­lacht wer­den. Wer Can­na­bis raucht, lan­det eben nicht auto­ma­tisch im Heroinbereich!
Die Wis­sen­schaft, Ärz­te, Juris­ten, Rich­ter und Men­schen, die mit Sucht­kran­ken arbei­ten, spre­chen sich mit einer mehr als deut­li­chen Mehr­heit dafür aus, dass man lega­li­sie­ren muss.

RB: Ich gehe auch ein­mal davon aus, dass vie­le „Lini­en­treue“ und auf der Pay­roll des Staa­tes sehen­de Men­schen, Orga­ni­sa­tio­nen und Insti­tu­tio­nen in der Ver­gan­gen­heit auch noch nicht die Eier dazu hat­ten, sich öffent­lich für eine Lega­li­sie­rung ein­zu­set­zen, sich zu outen. Und vie­le noch immer abwar­ten wer­den, bis sie sich damit öffent­lich posi­tio­nie­ren werden!?

AM: Das ist tat­säch­lich so. Vie­le haben immer noch Angst sich pro Lega­li­sie­rung zu äußern, oder schaf­fen es trotz bes­se­rem Wis­sens nicht sich für eine bes­se­re Dro­gen­po­li­tik zu ent­schei­den. Nur die deut­schen Poli­zei­ge­werk­schaf­ten, die eigent­lich dafür Sor­ge tra­gen müss­ten, dass die Jugend die Poli­zei als Freund und Hel­fer wahr­nimmt und nicht als Feind ansieht, stellt sich dage­gen. Das Geba­ren die­ser deut­schen Poli­zei­ge­werk­schaf­ten basiert auf einem Gedan­ken­gut der Sieb­zi­ger- und Acht­zi­ger Jah­re. Auf der ande­ren Sei­te schafft es die deut­sche Poli­zei nicht, ver­nünf­ti­ge Ver­fah­ren gegen wirk­li­che Kri­mi­nel­le durch­zu­füh­ren. Wir haben sexu­el­len Miss­brauch, Kin­der­por­no­gra­fie, usw. bei denen die Ver­fah­ren drei bis fünf Jah­re lang dau­ern. Wir haben viel­fach kei­ne ver­nünf­ti­ge Auf­klä­rung, weil es den Poli­zis­ten an Res­sour­cen fehlt. Aber wenn sie jeman­den mit einem Gramm Can­na­bis im Park erwi­schen, freu­en sie sich über eine auf­ge­klär­te Tat, mit der sich die Sta­tis­tik und die eige­ne Daseins­be­rech­ti­gung schö­nen lässt. Die Poli­zei soll dafür sor­ge­tra­gen, dass Kri­mi­nel­le wirk­lich schnell vor den Rich­ter gestellt werden!
Ich wün­sche mir irgend­wann eine Zeit, in der die Oma mit dem Enkel in ein Can­na­bis­fach­ge­schäft gehen und sich bera­ten las­sen kann. Die Oma erhält dort ver­nünf­ti­ges Can­na­bis gegen ihr Kopf- oder Rücken­schmer­zen und der Enkel Mari­hua­na und Haschisch, das nicht töd­lich ist und von Leu­ten her­ge­stellt und ver­trie­ben wird, die davon auch Ahnung haben.

RB: Seit über 30 Jah­ren enga­gie­ren Sie sich für den Opferschutz.

AM: Wäh­rend durch die Fol­gen von bei­spiels­wei­se Alko­hol extrem vie­le Men­schen Opfer von Gewalt­tä­tig­kei­ten gewor­den sind, haben wir in der BRD aktu­ell min­des­tens 5–6 Mil­lio­nen Can­na­bis-Gebrau­cher, die tag­täg­lich Opfer von Kri­mi­na­li­sie­rung und Stig­ma­ti­sie­rung wer­den. In den letz­ten fünf Jahr­zehn­ten haben wir weit über eine hal­be Mil­li­on Men­schen wegen des Umgangs mit Can­na­bis in die Knäs­te gesteckt, Mil­lio­nen von Men­schen haben wir mit Geld­stra­fen und Buß­gel­dern belegt und damit stig­ma­ti­siert und kri­mi­na­li­siert. Mit all den psy­chi­schen Fol­gen. Wir haben gan­ze Fami­li­en zer­stört. Das Gan­ze ohne Sinn und Verstand.

RB: Letzt­lich ist Can­na­bis heut­zu­ta­ge sowie­so über­all und für jeden jeder­zeit ver­füg­bar – die Beschaf­fung ist doch seit jeher eine der leich­tes­ten Übungen!

AM: Can­na­bis ist in der Gesell­schaft ange­kom­men und an jeder Ecke zu haben. Wir haben mit der bis­he­ri­gen Can­na­bis-Ver­bots-Poli­tik nichts, aber auch gar nichts erreicht, außer, dass die Men­schen per­ma­nent Angst haben erwischt zu wer­den. Inzwi­schen haben wir ein viel bes­se­res Wis­sen und müs­sen auch der Gedan­ken­ver­än­de­rung in der Bevöl­ke­rung nach­kom­men. Wir könn­ten Res­sour­cen bei den Poli­zei­be­am­ten und der Jus­tiz ein­spa­ren und Steu­er­ein­nah­men in Mil­li­ar­den­hö­he bekom­men. Es gibt heut­zu­ta­ge kei­ne Argu­men­te mehr, die stich­hal­tig für eine Pro­hi­bi­ti­ons­po­li­tik ste­hen. Ins­ge­samt hät­ten wir ganz bestimmt auch eine fried­li­che­re Gesell­schaft, wenn statt Alko­hol­trin­ken alle kif­fen wür­den. Und die Men­schen, die wirk­lich ein Pro­blem mit Can­na­bis haben, soll­ten es blei­ben las­sen oder direkt in eine Kli­nik gehen kön­nen; – und zwar ohne irgend­wel­che Repres­sa­li­en befürch­ten zu müssen.

RB: Ist die geplan­te Frei­ga­be von Can­na­bis nicht ein Signal an jun­ge Men­schen, frei nach dem Mot­to: so schlimm kann es doch gar nicht sein? Fal­len da wei­te­re Hemm­schwel­len es auszuprobieren?

AM: Bei der Frei­ga­be von Can­na­bis, geht es ganz klar nur noch um den Jugend­schutz. Jugend­li­che kön­nen heut­zu­ta­ge und an jeder Ecke Can­na­bis bezie­hen und bekom­men zum Teil gestreck­tes, völ­lig ver­dreck­tes Can­na­bis. Infol­ge­des­sen ist die­ses Argu­ment auch eine Fehl­leis­tung der­je­ni­gen, die sich gegen eine Lega­li­sie­rung aus­spre­chen. Wenn jun­ge Leu­te sowie­so schon über­all an das Zeug her­an­kom­men, dann sol­len sie auf jeden Fall auch gesi­chert sein und sich nicht mit irgend­wel­chem syn­the­ti­schen, lebens­be­droh­li­chen Dreck gefähr­den müs­sen. An rei­nem Can­na­bis ist noch kein ein­zi­ger Mensch ver­stor­ben. Can­na­bis gilt seit tau­sen­den von Jah­ren welt­weit als Heilpflanze!
Einen wei­te­ren Punkt möch­te ich als Gedan­ken­mo­dell in den Raum stel­len: Wenn das Volk Alko­hol ver­bie­ten wür­de und statt­des­sen Can­na­bis erlaub­te, dann wür­den, wie im Rausch unter Alko­hol, viel weni­ger Gewalt­de­lik­te began­gen wer­den und – allei­ne in Deutsch­land – jähr­lich kei­ne 75.000 Toten zu bekla­gen sein. Die Men­schen wür­den höchst­wahr­schein­lich nur frü­her vor dem Fern­se­her einschlafen.

RB: Sicher­lich sind da drau­ßen sehr vie­le Men­schen Pro-Lega­li­sie­rung. Aller­dings neh­me ich bei mei­nem täg­li­chen Wir­ken auch vie­le sor­gen­vol­le und ver­ängs­tig­te State­ments von ver­un­si­cher­ten und beun­ru­hig­ten Eltern zur geplan­ten Frei­ga­be wahr. Dabei auch die teil­wei­se unter­ir­di­schen, echt halt­lo­sen Argu­men­te der „ewig Gest­ri­gen“ und rein auf die Ver­bots­po­li­tik ein­ge­schwo­re­nen Men­schen. Was sagen Sie zur immer wie­der ger­ne genom­me­nen Tod­schlag­ar­gu­men­ta­ti­on, dass vor allem jun­ge Men­schen durch Kif­fen eine Psy­cho­se oder Abhän­gig­keit ent­wi­ckeln werden?

AM: Es wird immer Men­schen geben, die ein Pro­blem damit haben wer­den, und es gibt Leu­te, die kein Can­na­bis kon­su­mie­ren soll­ten, zum Bei­spiel Men­schen mit psy­chi­schen Vorerkrankungen.
Die Dosis macht das Gift. Nichts im Leben ist sicher und alles hat ein Risi­ko. Im Grun­de genom­men darf man die Wor­te Psy­cho­se und Abhän­gig­keit über­haupt nicht mehr in den Mund neh­men, weil es dazu führt, dass Men­schen, beson­ders Müt­ter und Väter, eine wahn­sin­ni­ge Angst davor bekom­men, dass wenn ihr Kind ein oder zwei­mal gekifft hat, anschlie­ßend und unwei­ger­lich in der Gos­se lan­den wür­de. Was wir unbe­dingt brau­chen, ist eine sau­be­re Auf­klä­rung der Men­schen auf Augen­hö­he. Eine Auf­klä­rung, die nicht mit dem erho­be­nen Zei­ge­fin­ger daher­kommt und per­ma­nent Ängs­te schürt. Einen libe­ra­li­sier­ten und kul­ti­vier­ten Umgang mit Can­na­bis und eine Dro­gen­erzie­hung dahin­ge­hend, die sich für eine akzep­tie­ren­de und selbst­be­stimm­te Dro­gen­mün­dig­keit mit aller damit ver­bun­de­nen Risi­ken und Kon­se­quen­zen einsetzt.
Von erfah­re­nen Men­schen aus dem rea­len Leben, von so Typen wir Ihnen Herr Biesin­ger, die wirk­lich wis­sen, wor­um es geht und wovon sie reden. Seit jeher macht Unbe­kann­tes den Men­schen Angst!

RB: Mein reden – Dan­ke für die Blu­men! Was wir brau­chen ist eine star­ke, selbst­be­stimm­te und rea­lis­tisch auf­ge­klär­te Jugend, die glaub­haft in ihren Lebens­wel­ten abge­holt wird, und die vor allem weiß, was sie tut! Eine neu­tra­le, unab­hän­gi­ge und wert­freie Auf­klä­rung aus beru­fe­nem Mun­de, die nicht durch irgend­wel­che hoheit­li­chen Inter­es­se­ver­bän­de und/oder wirt­schaft­li­chen Lob­by­is­mus instru­men­ta­li­siert wird und ist.

AM: Wenn bei Mil­lio­nen von Can­na­bis-Gebrau­chern in der BRD ganz vie­le in den Bereich der här­te­ren Dro­gen abrut­schen wür­den, müss­ten wir an unse­ren Bahn­hö­fen in Deutsch­land tau­sen­de von deso­la­ten Men­schen lie­gen haben.
Wenn man genau hin­schaut, wie vie­le Leu­te wegen Can­na­bis tat­säch­lich in Sucht­kli­ni­ken sind, dann sind das nach mei­ner Berech­nung, und auch nach der Sucht­hil­fe­sta­tis­tik der letz­ten zehn Jah­re, etwa 3.000 Men­schen mit der Haupt­dia­gno­se Can­na­bis pro Jahr! Das sind zwar 3.000 Indi­vi­du­en zu viel, aber letzt­lich ist das eine sehr gerin­ge Anzahl. In Wirk­lich­keit sind es auch meist Poli­to­xi­ko­ma­ne, also mehr­fach­ab­hän­gi­ge Men­schen, die alles kon­su­mie­ren, was sie in die Hän­de bekom­men. Die haben zwar die Haupt­dia­gno­se Can­na­bis, aber meist noch wei­te­ren Alkohol‑, Tablet­ten- und Dro­gen­miss­brauch. Wei­ter­hin haben sie oft schon vor, wäh­rend und auch nach dem Kon­sum psy­cho­tro­per Sub­stan­zen psy­chi­sche Pro­ble­me, die sich nicht allein auf Can­na­bis bezie­hen lassen.

RB: Das sehe ich auf­grund mei­ner eige­nen Dro­gen­kar­rie­re, als auch durch mein Wir­ken als Per­sön­lich­keits- und Sucht­prä­ven­ti­ons­trai­ner in den ver­gan­ge­nen 18 Jah­ren genauso.

AM: Die, sehr oft pro­pa­gan­dis­tisch ein­ge­setz­te Argu­men­ta­ti­on die­ser Psy­cho­sen-Poli­tik, ist das letz­te Mit­tel der Can­na­bis­pro­hi­bi­tio­nis­ten sich an ihrem sin­ken­den Schiff fest­zu­klam­mern. Zumal kein seriö­ser Wis­sen­schaft­ler in die­ser Welt weiß, was zuerst da war. Eine psy­chi­sche Stö­rung oder sonst irgend­was und dann der Can­na­bis-Kon­sum, oder anders­her­um. Gleich­wohl, selbst wenn die­se Leu­te recht hät­ten, hat die bis­he­ri­ge Ver­fol­gung von Mil­lio­nen Men­schen nichts gebracht.

RB: Ganz klar ist es wie mit allem: Die Dosis macht das Gift! Wir haben nicht nur das frag­wür­di­ge Risi­ko zur Ent­wick­lung von psy­chi­schen Stö­run­gen, son­dern eben auch das Risi­ko von Abhän­gig­keits­er­kran­kun­gen, das Risi­ko irrever­si­bler Hirn­struk­tur­ver­än­de­run­gen, kogni­ti­ve Beein­träch­ti­gun­gen, und auch das Risi­ko an Angst­stö­run­gen und Depres­sio­nen zu erkran­ken. Das ist vor allem beim Gebrauch im frü­hen Jugend­al­ter unum­strit­ten und wirk­lich evi­denz­ba­siert. Wer sehr früh chro­nisch kon­su­miert ist beson­ders gefährdet!

AM: Da gebe ich Ihnen voll­kom­men recht, das ist Fakt, da will ich Ihnen nicht wider­spre­chen! Ent­schei­dend ist, wie wir vor allem im Sin­ne des Jugend­schut­zes damit umge­hen wol­len. Ohne einen ver­nünf­ti­gen Jugend­schutz wer­den auch wei­ter­hin hun­der­te von jun­gen Men­schen an Ersatz­dro­gen, wie den Legal Highs und an völ­lig unkon­trol­lier­ten syn­the­ti­schen Can­na­bi­no­iden ster­ben. Die Dro­gen­to­ten der letz­ten Jah­re star­ben nicht an rei­nem Can­na­bis! Ich bin fest davon über­zeugt, dass wir durch die Frei­ga­be auch den Schwarz­markt mit den sich täg­lich neu erfin­den­den, bru­talst lebens­ge­fähr­li­chen, che­mi­schen Stoff­grup­pen aus irgend­wel­chen Hob­by­la­bo­ren deut­lich ein­däm­men werden.

RB: Da bin ich ganz bei Ihnen. Eine sau­be­re und inten­si­ve Auf­klä­rung und Prä­ven­ti­on ste­hen über allem! Gene­rell was jeg­li­chen Rausch­dro­gen­kon­sum, vom Alko­hol bis zum Hero­in, angeht.

AM: Den­noch dür­fen wir des­halb, nur weil wir die Jugend beschüt­zen wol­len, nicht Mil­lio­nen erwach­se­ner Men­schen, die Steu­ern bezah­len, die regel­mä­ßig arbei­ten, die ihre Kin­der erzie­hen, usw. in Mit­lei­den­schaft zie­hen und bestra­fen. Nur weil wir im öffent­li­chen Dis­kurs der mili­tan­ten Ansicht sind jun­ge Men­schen total schüt­zen zu wol­len. Dann müss­ten wir unheim­lich viel verbieten.

RB: Aktu­ell haben jun­ge Men­schen ab 16 Jah­ren offi­zi­ell und legal Zugang zu Alko­ho­li­ka. Nicht jeder der Alko­hol kon­su­miert, wenn wir hier­bei über­haupt von sowas wie einer Ein­stiegs­dro­ge spre­chen wol­len, wird abhän­gig. Genau­so wenig wie jeder, der Can­na­bis kon­su­miert, zwangs­läu­fig total abkackt. Die Alko­hol­lob­by lässt sich als „Deut­sches Kul­tur­gut“ und mit ihren Mil­li­ar­den Umsät­zen sowie jähr­lich 75.000 Alko­hol­to­ten nicht mehr ein­däm­men. Wie also soll denn nun mit der geplan­ten Frei­ga­be umge­gan­gen wer­den? Ich schät­ze mal, hier gibt es ver­dammt viel zu tun?

AM: Zunächst ein­mal hat die Ampel in ihrem Koali­ti­ons­ver­trag die Absicht erklärt, Can­na­bis zu Genuss­zwe­cken frei­zu­ge­ben. Nach vie­len Jahr­zehn­ten Ver­bots­po­li­tik ist das ein ech­ter Mei­len­stein, den min­des­tens 50 % der deut­schen Bevöl­ke­rung befür­wor­ten. Das heißt aktu­ell aber noch lan­ge nicht, dass wir, Stand heu­te, von einer offi­zi­el­len Lega­li­sie­rung von Can­na­bis spre­chen könnten.
Das geplan­te Gesetz muss erst ein­mal durch den Bun­des­tag ver­ab­schie­det wer­den, durch den Bun­des­rat und vom Bun­des­prä­si­den­ten unter­schrie­ben wer­den, bevor wir irgend­wann von irgend­wel­chen offi­zi­el­len, wie auch immer gela­ger­ten Erwerbs­mög­lich­kei­ten spre­chen können.

RB: Im Koali­ti­ons­ver­trag steht fol­gen­der Text:
„… Wir füh­ren die kon­trol­lier­te Abga­be von Can­na­bis an Erwach­se­ne zu Genuss­zwe­cken in lizen­zier­ten Geschäf­ten ein. Dadurch wird die Qua­li­tät kon­trol­liert, die Wei­ter­ga­be ver­un­rei­nig­ter Sub­stan­zen ver­hin­dert und der Jugend­schutz gewähr­leis­tet. Das Gesetz eva­lu­ie­ren wir nach vier Jah­ren auf gesell­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen. Model­le zum Drug­che­cking und Maß­nah­men der Scha­dens­mi­ni­mie­rung ermög­li­chen und bau­en wir aus. … Wir ver­schär­fen die Rege­lun­gen für Mar­ke­ting und Spon­so­ring bei Alko­hol, Niko­tin und Can­na­bis. Wir mes­sen Rege­lun­gen immer wie­der an neu­en wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen und rich­ten dar­an Maß­nah­men zum Gesund­heits­schutz aus.
Was heißt das denn nun in Klartext?

AM: Dadurch soll sicher­ge­stellt wer­den, dass man rei­ne Sub­stan­zen kau­fen kann und dass man die­se auch von aus­ge­bil­de­tem Per­so­nal bekommt. Und dadurch auch von staat­li­cher Sei­te eine bes­se­re Sucht­prä­ven­ti­on, sowie der Jugend­schutz gewähr­leis­tet wer­den kann.
Das bedeu­tet zunächst auch kei­ne wei­te­re Ver­zö­ge­rung der Frei­ga­be durch irgend­wel­che Modell­pro­jek­te. Das heißt auch kein Ver­trieb über Apo­the­ken, son­dern ein Ver­kauf in lizen­sier­ten Can­na­bis-Fach­ge­schäf­ten. Was genau die­se Shops genau sind, muss im Gesetz­ge­bungs­pro­zess noch genau defi­niert wer­den. Jetzt gilt es, das ent­spre­chen­de Gesetz schnell zu formulieren.
Der Eigen­an­bau von Can­na­bis ist nicht erwähnt. Ob sich die Gesetz­ge­bung dar­über eini­gen wird, die­ses The­ma, genau­so wie das The­ma Füh­rer­schein, mit auf­zu­neh­men, ist der­zeit noch nicht erkenn­bar. In punc­to Füh­rer­schein haben wir momen­tan eine Null­to­le­ranz­gren­ze von einem Nano­gramm THC im Blut, bei dem alle Exper­ten sagen, dass es sich hier­bei um einen Wert han­delt, der auch nach meh­re­ren Tagen und Wochen nach dem Kon­sum noch als Abbau­pro­dukt gemes­sen wer­den kann. Das ist mit der Mes­sung von Alko­hol im Stra­ßen­ver­kehr nicht ver­gleich­bar. Da muss auf jeden Fall eine höhe­re Gren­ze fest­ge­legt wer­den. Vie­le Exper­ten spre­chen sich für min­des­tens drei Nano­gramm aus. Bei allem, was dar­un­ter liegt, kann nicht von einer Ein­schrän­kung der Fahr­tüch­tig­keit als akti­ver Ver­kehrs­teil­neh­mer gespro­chen wer­den. Für vie­le die­ser und wei­te­rer Fra­gen ist das ein­ge­brach­te Can­na­bis­kon­troll­ge­setz der Grü­nen, das sogar 5 Nano­gramm vor­sieht, eine sehr gute Aus­gangs­la­ge für die wei­te­ren par­la­men­ta­ri­schen Bera­tun­gen. Für vie­le der offe­nen Fra­ge gibt es hier­in schon sehr gute Orientierungswerte.

RB: Trotz­dem ist noch alles offen, zumin­dest, falls es nicht zu einem Rück­zie­her oder ande­ren bösen Über­ra­schun­gen kommt!?

AM: Bei allem, was nicht in dem Koali­ti­ons­ver­trag steht, muss wei­ter ver­han­delt und geklärt wer­den. Dabei geht es wei­ter­hin auch um Fra­gen wie nach der Amnes­tie für frü­he­re Ver­ur­tei­lun­gen, Vor­stra­fen. Genau­so muss schnells­tens geklärt wer­den, wie mit den schwe­ben­den aktu­el­len Kon­su­men­ten­ver­fah­ren umge­gan­gen wer­den soll. Die For­de­rung zur Ent­kri­mi­na­li­sie­rung von Kon­su­men­ten inner­halb von 100 Tagen nach dem Antritt der neu­en Regie­rung am 06.12.21 muss schnell umge­setzt werden.
Die Ent­kri­mi­na­li­sie­rung von Kon­su­men­ten an sich bedeu­tet erst ein­mal nur eine Men­ge „x“ besit­zen zu dür­fen. Aller­dings heißt das auch, dass für jedes wei­te­re hal­be Jahr Rechts­un­si­cher­heit und Unklar­heit bis zur fina­len Ver­ab­schie­dung des geplan­ten Can­na­bis­kon­troll­ge­set­zes ein­hun­dert­tau­send wei­te­re Straf­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wer­den kön­nen. Die Straf­ver­fol­gung von Kon­su­men­ten muss mei­nes Erach­tens im ers­ten Schritt auf jeden Fall sofort ein­ge­stellt wer­den! Und das ist ohne Ein­schal­tung des Bun­des­ra­tes auch möglich.

RB: Also lie­be Leu­te, bit­te unter­lasst es wei­ter­hin, mit der Tüte in der Hand vor dem Poli­zis­ten her­um­we­deln. Nach wie vor unter­lie­gen die Poli­zis­ten dem Straf­ver­fol­gungs­zwang, obwohl vie­le, die ich ken­ne, auf die­ses The­ma schon lan­ge kei­nen Bock mehr haben!

AM: Die Lega­li­sie­rung selbst, also die Regu­lie­rung des gan­zen Mark­tes, bis hin zum Fach­ge­schäft, wohin man als Erwach­se­ner gehen kann, um Can­na­bis zu kau­fen, wird ganz bestimmt noch eine gan­ze Wei­le dau­ern. Auf dem Weg dahin müs­sen noch sehr vie­le Din­ge ent­schie­den wer­den. Bei dem von den Grü­nen vor­ge­leg­ten Can­na­bis­kon­troll­ge­setz han­delt es sich um 70 Sei­ten, von denen es sich bei jeder Zei­le um eine ein­zel­ne Ent­schei­dung han­delt. Auch unter der wei­te­ren Ein­bin­dung ver­schie­dens­ter Minis­te­ri­en, wie das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um, das Fami­li­en- und Jugend­mi­nis­te­ri­um, das Inner­mi­nis­te­ri­um, das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um, etc. wird es eini­ges an Ver­hand­lungs­ta­gen und Anhö­run­gen geben, bis man sich im Detail irgend­wann auf eine pas­sen­de Geset­zes­vor­la­ge geei­nigt hat. Das alles kann noch eine gewis­se Zeit in Anspruch nehmen.
Viel­leicht eini­gen sich die Poli­ti­ker und die Gesetz­ge­bung sogar dar­auf, dass die gan­ze Pro­duk­ti­ons- und Ver­triebs­ket­ten allein bei den Medi­zin­fir­men lie­gen? Man weiß es nicht. Mög­li­cher­wei­se kann das gan­ze Vor­ha­ben sogar dar­an schei­tern, dass die Koali­ti­on nach eini­gen Jah­ren sagt: „… nö, so machen wir das nicht…“, wie es bei­spiels­wei­se in Luxem­burg gesche­hen ist, und dann Euro­pa­recht oder Inter­na­tio­na­les Recht vor­ge­scho­ben wird. Oder die Ampel zerbricht.

RB: Grund­sätz­lich sind wir in Deutsch­land ja sta­bi­le Regie­run­gen gewöhnt, was aber, wenn die gan­ze Drei­er-Kon­stel­la­ti­on schei­tert? Die Schrö­der Regie­rung bei­spiels­wei­se war bis 2005 nur auf 3 Jah­re Legis­la­tur aus­ge­legt. Soll­te die Regie­rungs­ar­beit irgend­ei­ner Par­tei nicht pas­sen, ist Schluss mit lus­tig und es wür­den Neu­wah­len geben.

AM: Und auch der Bun­des­rat kann, solan­ge die CDU dort die Mehr­heit hat, die geplan­te Lega­li­sie­rung noch her­aus zögern. Ob das Gesetz wirk­lich so gestrickt wer­den kann, dass man kei­ne Zustim­mung vom Bun­des­rat erwar­ten kann, steht eben­falls noch in den Sternen.
Für mich heißt das: Jetzt erst recht! Das Gan­ze ist noch lan­ge nicht in tro­cke­nen Tüchern und ich for­de­re jeden, dem etwas an der Frei­ga­be von Can­na­bis liegt auf, sowohl den Deut­schen Hanf­ver­band (LINK https://hanfverband.de/) als auch LEAP (LINK https://leap-deutschland.de/) aktiv zu unter­stüt­zen. Mein erklär­tes Ziel wäre es, dass der gan­ze Pro­zess der Gesetz­ge­bung spä­tes­tens bis in ein-zwei Jah­ren abge­schlos­sen wer­den würde.

RB: Die ver­gan­ge­nen Dro­gen­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung, in ihrer Eigen­schaft als Pres­se­spre­cher des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums, und ohne eige­ne Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz, waren m.E. eine tota­le Voll­ka­ta­stro­phe. Was gibt es dazu zu sagen?

AM: Ich hof­fe schwer, dass wir mit der oder dem neu­en Dro­gen­be­auf­trag­ten mehr Glück haben wer­den. Die bis­he­ri­gen Dro­gen­be­auf­trag­ten waren Men­schen, die aus einer Ecke kamen, die mit allem zu tun hat­ten, aber auch gar nichts mit einem Ver­ständ­nis für Kon­sum oder Dro­gen­po­li­tik. Politiker*innen, die abso­lut nichts dazu bei­getra­gen haben, eine ordent­li­che Prä­ven­ti­ons­po­li­tik zu betreiben.

RB: So weit so gut! Beim gan­zen Hype um die­ses The­ma sage ich erst ein­mal vie­len Dank für die­se sehr dif­fe­ren­zier­te Betrach­tung. Ger­ne wür­de ich mit Ihnen noch ein­mal, ob nun zeit­nah lega­li­siert wird oder auch nicht, auf das The­ma Jugend­schutz und Prä­ven­ti­ons­ar­beit ein­ge­hen wol­len. Letzt­lich ist eh alles auf dem Schwarz­markt ver­füg­bar. Wer kon­su­mie­ren möch­te, der tut das auch, so ein­fach ist das. Gera­de wenn wir jetzt über die Lega­li­sie­rung spre­chen, ist die Prä­ven­ti­ons­po­li­tik mei­nes Erach­tens ein äußerst wich­ti­ger, wenn nicht einer der wich­tigs­ten Punk­te inner­halb der gan­zen Debat­te, überhaupt.

AM: Den Kon­su­men­ten muss das Stig­ma genom­men wer­den, und gera­de bei jun­gen Men­schen stellt sich die Fra­ge nach einer zeit­ge­mä­ßen Anspra­che. Hier­bei brau­chen wir kei­ne pau­scha­li­sier­ten und kennt­nis­lo­sen Ansa­gen wie: „Can­na­bis ist kein Brok­ko­li“, son­dern jeman­den, der die Kon­su­men­ten ernst nimmt und bes­ten­falls adäqua­te Hilfs- und Auf­klä­rungs­pro­gram­me initi­iert und umsetzt, die nicht mit dem erho­be­nen Zei­ge­fin­ger und Panik­ma­che daher­kom­men. Dazu müs­sen hau­fen­wei­se Gel­der bereit­ge­stellt wer­den, die aus den zweck­ge­bun­de­nen Ein­nah­men aus dem Ver­trieb von Can­na­bis kom­men müs­sen. Gel­der, die eine qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Auf­klä­rung zum Schutz der Jugend zulas­sen. Gel­der, die sich vor allem am Ziel einer selbst­be­wuss­ten und star­ken Jugend ori­en­tie­ren. Selbst­be­wuss­te, selbst­be­stimm­te und selbst­wirk­sa­me, im Leben ste­hen­de und auf­ge­räum­te Jugend­li­che nei­gen deut­lich weni­ger dazu, sich unkon­trol­liert mit allem Mög­li­chen abzu­schie­ßen und ihr Leben durch Rausch­dro­gen an die Wand zu fah­ren. Gel­der, die nicht in irgend­wel­chen Ver­wal­tun­gen ver­puf­fen, son­dern ziel­ge­rich­tet und direkt den jun­gen Men­schen dienen.
Die Finan­zie­rung der Sucht­be­ra­tung, der Auf­klä­rung und Prä­ven­ti­on, ins­be­son­de­re bei Jugend­li­chen, und die Stär­kung der beruf­li­chen Wie­der­ein­glie­de­rung von Such­ter­krank­ten muss deut­lich ver­bes­sert und dau­er­haft sicher­ge­stellt sein.

RB: Dau­erkif­fen macht blöd, ich den­ke dabei sind wir uns einig.

AM: Natür­lich will kein Eltern­teil, dass sein Kind zum Dau­erkif­fer wird. Auch ich sage den Jugend­li­chen, dass ein Dau­er­kon­sum blöd und schwach macht, und so wei­ter. Wenn wir aller­dings die Lega­li­sie­rung umge­setzt haben, kön­nen Eltern viel offe­ner und ehr­li­cher mit ihren Kin­dern spre­chen. Die Kids erzäh­len dir heu­te: Ges­tern haben wir mäch­tig einen „gesof­fen“, aber die erzäh­len ihren Eltern nicht, dass sie ges­tern gekifft haben. Weil Mami und Papi dann sofort den­ken: „Oje, jetzt wird mein Kind Drogenabhängig!“

RB: Wie also muss, ihrer Mei­nung nach, eine gute und zeit­ge­mä­ße Prä­ven­ti­ons­ar­beit aussehen?

AM: Vie­les davon, was in punc­to Jugend­schutz gemacht wer­den muss, steht bereits in der Vor­la­ge zum Can­na­bis­kon­troll­ge­setz. In letz­ter Instanz geht es vor allem sozi­al­ge­sell­schaft­lich dar­um, dass wir es mit­tel- bis lang­fris­tig schaf­fen, einen libe­ra­li­sier­ten und kul­ti­vier­ten Umgang mit Can­na­bis in der Gesell­schaft zu inte­grie­ren. Nur dann kann auch gefähr­de­ten und auf­fäl­li­gen Men­schen bes­ten­falls zeit­nah gehol­fen wer­den. Und zwar ohne, dass die­se Men­schen mit irgend­wel­chen Repres­sa­li­en zu rech­nen hätten.

RB: Grund­sätz­lich ist auch total egal, ob der Umgang mit einer Dro­ge unter Stra­fe steht oder nicht, das spielt für die Ver­brei­tung nicht die gerings­te Rol­le. Am Anfang der Lega­li­sie­rung wer­den sicher­lich vie­le Men­schen auch aus­pro­bie­ren wol­len. Schmeckt mir das, macht mir das Spaß?

AM: Und dann wer­den vie­le viel­leicht fest­stel­len, das ist nicht mei­ne Dro­ge und grei­fen wei­ter­hin zum Alko­hol. Der Erst­kon­sum wird anfangs bestimmt erhöht sein, aber auch der wis­sen­schaft­li­che Dienst des Bun­des­ta­ges hat dezi­diert fest­ge­stellt, dass es kei­ne groß­ar­ti­ge Aus­wei­tung gibt und geben wird.
Das Pro­blem ist tat­säch­lich der bis­her, auf­grund der Pro­hi­bi­ti­on, nicht umge­setz­te Jugend­schutz! Und genau der ist tat­säch­lich das wirk­lich letz­te begrün­de­te Argu­ment der Pro­hi­bi­tio­nis­ten gegen die Frei­ga­be von Cannabis!
Und selbst trotz eines wirk­lich guten Jugend­schut­zes wird es immer wie­der jun­ge Men­schen aus deso­la­ten Fami­li­en­sys­te­men geben, die anders als die aus den ver­wöhn­ten und „gut behü­te­ten“ Schich­ten der Mit­tel­stands­ge­sell­schaft kom­men­den Jugend­li­chen, mit ver­stärkt psy­chi­schen Pro­ble­men auf­war­ten werden.

RB: Mein Lebens­the­ma als tro­cken­ge­leg­ter Voll­al­ko­ho­li­ker und lebens­lang erkrank­ter Poli­to­xi­ko­ma­ne ist die Sucht, und die ist, was ich seit Jah­ren in mei­nem All­tag erle­ben darf, bis­wei­len ein kräf­tig abge­fuck­tes Scheiß­spiel. Ganz klar gehen auch vom Kif­fen allei­ne Gefah­ren aus, und so man­cher Jahr­zehn­te lan­ger Dau­er-Kif­fer bewegt sich, hier und da, auch schon mäch­tig neben der Spur. Selbst­re­dend sind alle alt genug und haben die vol­le Ver­ant­wor­tung für ihr Leben, letzt­lich aber zer­brö­selt eine Sucht durch den per­ma­nen­ten Ein­griff in das natür­lich fili­gran abge­stimm­te Gleich­ge­wicht des Neu­ro­trans­mit­ter­haus­hal­tes in unse­rem Gehirn auch die aller­här­tes­ten Charaktere.
Der klei­ne Neu­ro­wis­sen­schaft­ler in mir hadert mit einer viel zu frü­hen Frei­ga­be, zumal die Gehir­ne jun­ger Men­schen erst mit etwa 23–25 Jah­ren voll­stän­dig aus­ge­reift sind. Wel­che Vor­schlä­ge haben Sie für einen adäqua­ten Jugend­schutz, wie genau soll­te die­ser aus­se­hen? Kann es viel­leicht sogar sein, dass wir gar kei­nen wirk­li­chen Jugend­schutz schaf­fen können?

AM: Grund­sätz­lich, und wenn wir nach Hol­land schau­en, kif­fen dort trotz 50 Jah­ren frei­en Zugangs und Dul­dung pro­zen­tu­al deut­lich weni­ger jun­ge Leu­te als hier aktu­ell in Deutsch­land. Und wenn wir über Ver­füg­bar­keit spre­chen, ist Can­na­bis sowie­so über­all verfügbar.

Und ja, in Bezug auf Can­na­bis haben wir, genau­so wie bei Alko­hol und Niko­tin kei­nen ver­nünf­ti­gen Jugend­schutz und einen per­fek­ten wer­den wir auch nicht errei­chen. Aber ver­nünf­ti­ge Auf­klä­rung wird hel­fen. Und  klar ist auch, dass es unter Stra­fe gestellt wer­den muss, wenn Erwach­se­ne Can­na­bis an Kin­der und Jugend­li­che abge­ben. Es soll ja nicht so sein, dass jetzt alles völ­lig frei gemacht wer­den soll. Kurz und knapp: Je spä­ter, wenn über­haupt mit dem Kon­sum von Can­na­bis begon­nen wird, umso bes­ser. Aber ab 18 Jah­ren soll­te es schon frei­ge­ge­ben werden.

RB: Abschlie­ßend, Herr Mül­ler, wie fei­ern Sie, wenn irgend­wann alles in grü­nen Tüchern ist?

AM: Also zunächst wer­de ich mich in den Bun­des­tag set­zen und mir das Gan­ze anhö­ren. Dann wer­de ich dar­über nach­den­ken, wie vie­le Opfer die­se Can­na­bis-Pro­hi­bi­ti­on in den ver­gan­ge­nen fünf Jahr­zehn­ten geschaf­fen hat. Dann wer­de ich nach drau­ßen gehen und höchst­wahr­schein­lich heu­len wie ein klei­nes Kind, weil ich die gan­zen Men­schen im Kopf habe, die durch eine völ­lig unsin­ni­ge Dro­gen­po­li­tik, ins­be­son­de­re von Can­na­bis, ver­folgt wur­den, in den Knäs­ten gelan­det sind usw. Und dann trin­ke ich ein Glas Wein. Viel­leicht zie­he ich auch mal an einem Joint.

RB: Sehr geil! Dann möch­te ich, ganz egal ob nun und wie genau lega­li­siert wird oder nicht, auch noch ein klei­nes State­ment dazu abge­ben. Ich bin der Ansicht, dass wir uns in die­sem Land ein­mal ehr­lich bewusst machen soll­ten, dass es auch noch ande­re Län­der gibt, in denen man Can­na­bis eher kon­su­mie­ren darf als Alko­hol, was wie­der­um einen grund­sätz­lich gesell­schaft­li­chen Aspekt beinhal­tet. Die gan­zen damit ver­bun­de­nen Gefah­ren von Rausch­dro­gen, expli­zit Can­na­bis, dür­fen auf kei­nen Fall ver­nied­licht wer­den. Letzt­lich wird es, nicht nur im Kon­text der anste­hen­den kon­trol­lier­ten Abga­be an Erwach­se­ne zu Genuss­zwe­cken, die Auf­ga­be der Eltern, der Erzie­her, der Leh­rer, der Gesell­schaft sein, die­ses The­ma mit den jun­gen Men­schen ernst­haft zu the­ma­ti­sie­ren. Und es ist und muss auch ein Appell an die Eigen­ver­ant­wor­tung von jun­gen Men­schen sein, dass nur sie selbst ver­ant­wort­lich für ihr Leben sind.
Jun­ge Men­schen brau­chen Auf­klä­rung und müs­sen wis­sen, dass es eben kein fuck­ing Keks ist, in den sie hin­ein­bei­ßen, son­dern dass sie etwas kon­su­mie­ren, das bei über­mä­ßi­gem Kon­sum zu mas­si­ven Schä­di­gun­gen an Gehirn und Per­sön­lich­keit füh­ren kann.

AM: Das ist bis­her so und wird auch so blei­ben. Aller­dings wird eine Lega­li­sie­rung die Zahl reduzieren.

RB: Wir wer­den auch nie­mals ver­hin­dern kön­nen – im Fal­le einer Frei­ga­be ab 18 Jah­ren – dass ein 16-jäh­ri­ger sich über einen 19-jäh­ri­gen etwas besor­gen lässt. So naiv brau­chen wir wirk­lich nicht zu sein. Es muss the­ma­ti­siert und nicht kri­mi­na­li­siert oder sank­tio­niert wer­den. Wir müs­sen ler­nen offen dar­über spre­chen zu kön­nen. Sehr früh, bes­ten­falls schon in den Grundschulen!
Ich glau­be wei­ter­hin, dass wir auch ein grund­sätz­li­ches Men­schen­bild haben müs­sen, bei dem wir nicht mehr län­ger davon aus­ge­hen dür­fen, dass da drau­ßen 30–40 Mil­lio­nen dumm­gläu­bi­ge, naï­ve Men­schen her­um­lau­fen, die nicht wis­sen, was sie tun. Die gesell­schaft­li­che Auf­ga­be muss es nach die­sen vie­len Jah­ren einer gna­den­los geschei­ter­ten Dro­gen­po­li­tik nun sein, zu kon­trol­lie­ren soweit es geht, es mit den nöti­gen Begren­zun­gen weg vom Schwarz­markt in den kon­trol­lier­ten Ver­kauf zu brin­gen, und mit dem Mehr­wert an staat­li­chen Ein­nah­men bes­ten­falls zweck­ge­bun­den in eine gute, qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Prä­ven­ti­ons- und Auf­klä­rungs­ar­beit gehen zu können.
Das The­ma Eigen­ver­ant­wor­tung und selbst­be­wusst groß wer­den ist schließ­lich immer mit irgend­wel­chen Gefah­ren ver­bun­den. Wir kön­nen den Kin­dern einer­seits wirk­lich viel bei­brin­gen, jedoch müs­sen wir auch ler­nen den Kids wie­der viel mehr Ver­trau­en ent­ge­gen­zu­brin­gen. Ich möch­te auch nicht, dass mei­ne inzwi­schen 10-jäh­ri­ge Enke­lin sich in ein paar Jah­ren stän­dig etwas rein­pfeift, aber ist es nicht strunz­dumm die Augen davor zu ver­schlie­ßen? Das ist mei­nes Erach­tens der größ­te Feh­ler über­haupt, der da drau­ßen aktu­ell abgeht. Lasst die Kids mit ihren The­men nicht allein und sorgt für einen ver­ant­wor­tungs­vol­len und trans­pa­ren­ten Umgang mit den Din­gen, die eh schon lan­ge in den Lebens­wel­ten und –rea­li­tä­ten der Jugend­li­chen ange­kom­men sind!

AM: So soll es sein – Dan­ke, das hat mir sehr viel Freu­de berei­tet – Viel Erfolg wei­ter­hin mit Eurer tol­len und wert­vol­len Arbeit!

RB: Ich, wir haben zu danken!

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